REACH auf Eis gelegt

Wenn Wettbewerbsfähigkeit wichtiger wird als Gesundheitsschutz

Die Europäische Kommission hat die geplante Reform der europäischen Chemikalienverordnung REACH vorerst aufgegeben. Damit verschwindet eines der wichtigsten Umwelt- und Gesundheitsvorhaben des europäischen Green Deals aus der politischen Prioritätenliste — obwohl die Risiken vieler Chemikalien seit Jahren wissenschaftlich bekannt sind.

Geplant waren strengere Regeln für besonders gefährliche Stoffe wie PFAS („Ewigkeitschemikalien“), hormonell wirksame Substanzen sowie bessere Bewertungen des sogenannten Cocktail-Effekts verschiedener Chemikalien. Ziel war ein stärkerer Schutz von Gesundheit, Umwelt und Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Nun verweist die EU-Kommission auf wirtschaftliche Unsicherheiten, hohe Energiekosten und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie. Eine grundlegende Überarbeitung von REACH sei derzeit nicht sinnvoll.

Ein gefährliches Signal

Diese Entscheidung wirkt kurzsichtig und politisch widersprüchlich. Die Europäische Union präsentiert sich international gern als Vorreiterin beim Umwelt- und Verbraucherschutz. Doch sobald wirtschaftlicher Druck wächst, werden selbst zentrale Gesundheitsfragen relativiert oder verschoben.

Dabei geht es hier nicht um abstrakte Umweltziele, sondern um konkrete Folgen für Millionen Menschen:

  • steigende Krebsrisiken,
  • hormonelle Schäden,
  • Fruchtbarkeitsprobleme,
  • Belastungen von Trinkwasser und Böden,
  • und langfristige Folgen für kommende Generationen.

Wettbewerbsfähigkeit ist wichtig. Aber der Schutz vor nachweislich gefährlichen Stoffen darf kein Luxus sein, den man sich nur in wirtschaftlich guten Zeiten leistet.

Die Macht der Lobbyinteressen

Besonders problematisch ist der Eindruck, dass wirtschaftliche Lobbyinteressen erneut stärker wirken als wissenschaftliche Erkenntnisse und das Gemeinwohl.

Seit Jahren üben große Chemiekonzerne und Industrieverbände Druck gegen strengere Regeln aus. Gleichzeitig haben sich nach den Europawahlen 2024 die politischen Mehrheiten in vielen Bereichen zugunsten wirtschaftsfreundlicher Kräfte verschoben. Selbst Umweltorganisationen und progressive Parteien befürchteten zuletzt offenbar, dass eine Neuverhandlung die bestehenden Regeln sogar noch weiter abschwächen könnte.

Das ist demokratisch gefährlich. Denn wenn Bürgerinnen und Bürger erleben, dass bekannte Gesundheitsrisiken trotz wissenschaftlicher Warnungen nicht konsequent angegangen werden, verliert Politik Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Gesundheitsschutz ist keine Wachstumsbremse

Oft wird Umwelt- und Gesundheitsschutz als Belastung für die Wirtschaft dargestellt. Dabei werden die langfristigen Kosten verdrängt:

  • höhere Gesundheitsausgaben,
  • milliardenschwere Umweltfolgen,
  • aufwendige Sanierungen,
  • und irreversible Schäden an Ökosystemen.

Die Vermeidung von Risiken ist langfristig wirtschaftlicher als die spätere Bewältigung ihrer Folgen.

Europa sollte nicht den Fehler machen, kurzfristige wirtschaftliche Interessen über die Gesundheit seiner Bevölkerung zu stellen. Gerade in Zeiten wachsender Umwelt- und Gesundheitskrisen braucht es politischen Mut — nicht den Rückzug durch Lobbydruck.

Hinweis: Beitragsbild KI-generiert

Quellen

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